Kultur notiert: Januar - Februar 2009

Portrait

Von: Karin Reimann


"Die moderne Galerie von Heinrich Thannhauser"

Das j√ľdische Museum am St. Jakobsplatz hat eine Reihe von Einzelausstellungen den j√ľdischen Kunstsammlern und Kunsth√§ndlern des 19. und 20. Jahrhunderts gewidmet. Der 6. Teil der Ausstellungsreihe "Sammelbilder" erinnerte an den Kunsth√§ndler Heinrich Thannhauser, der im November 1909 im Arcopalais, Theatinerstrasse 7, zusammen mit seinem Sohn Justin eine Galerie, die Kandinsky als die vielleicht sch√∂nsten Ausstellungsr√§ume in ganz M√ľnchen beschrieb, er√∂ffnete.

Die Bereitschaft, junge und vergleichsweise unbekannte K√ľnstler auszustellen, ein Gesp√ľr f√ľr √∂ffentliches Aufsehen und ein guter Gesch√§ftssinn zeichneten Heinrich Thannhauser aus und gaben der Galerie ihre Identit√§t.

Neun intime Wohnräume, geschmackvoll mit Teppichen, Möbeln und Kunstwerken ausgestattet, wirkten so, als handelte es sich um die Privaträume eines Kunsthändlers.

In den f√ľnf Jahren vor Ausbruch des ersten Weltkriegs veranstaltete Thannhauser eine Reihe bahnbrechender Ausstellungen: franz√∂sische Impressionisten und Postimpressionisten, die erste "Blaue Reiter" Ausstellung und die erste Retrospektive Picassos.

Zu den vor dem ersten Weltkrieg ausgestellten K√ľnstlern geh√∂rten auch Lovis Corinth, Max Slevogt, Max Liebermann, K√§the Kollwitz, Max Pechstein, Paul Klee. Thannhauser bot M√ľnchner K√ľnstlern und der breiten √Ėffentlichkeit die Gelegenheit, das Beste an internationaler Kunst zu sehen.

Charakteristisch f√ľr Thannhauser war auch der Wunsch, im Hinblick auf moderne Kunst erzieherisch zu wirken. Dies zeigte sich in einer Reihe von Vortr√§gen, die f√ľhrende Kunstkritiker und Kunsthistoriker, wie z.B. Julius Meier-Graefe, in der Galerie hielten.

1912 malte Max Oppenheimer ein Portrait des Kunsthändlers, der tief in Gedanken dargestellt wird. Die geschäftlichen Aktivitäten Thannhausers stellte Oppenheimer mittels eines Stapels von Briefen dar, die am Portraitierten herunter zu gleiten scheinen.

Zu den Vertretern der deutschen Gegenwartskunst geh√∂rte Leo Putz, dessen Bild einer sch√∂nen Wassernymphe, die eine gro√üe, mit Perlen gef√ľllte Austernschale h√§lt, zum Markenzeichen der Galerie wurde und auf dem Werbeplakat erschien.

Im Dezember 1909 er√∂ffnete eine Ausstellung der Neuen K√ľnstlervereinigung M√ľnchen - NKVM - in der Modernen Galerie. Wassily Kandinsky, der Vorstand dieser Gruppe gleichgesinnter K√ľnstler, entwarf ein abstraktes Plakat. Der NKVM hatten sich Gabriele M√ľnter, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, Alfred Kubin, Alexander Kanolt und Adolf Erbsl√∂h angeschlossen.

Nach einer erfolgreichen Vernissage folgte √∂ffentliche, feindselige Kritik und Mi√übilligung, Reaktionen, die, wie Kandinsky sp√§ter bemerkte, "Thannhauser hart auf die Probe stellten".

Trotz dieses Skandals stellte Thannhauser im September 1910 die Galerie wieder f√ľr eine zweite Ausstellung der NKVM zur Verf√ľgung. Auch dieses Mal war die Kritik erbarmungslos. Das Publikum schimpfte, schrie und bespuckte die Bilder. Ein Kritiker schrieb:"Diese absurde Ausstellung zu erkl√§ren gibt es nur zwei M√∂glichkeiten: entweder man nimmt an, dass die Mehrzahl der K√ľnstler irrsinnig ist, oder aber, dass man es mit schamlosen Bluffern zu tun hat".

Im September 1928 k√ľndigte die M√ľnchner Presse die bevorstehende Schlie√üung und √úbersiedlung der" Modernen Galerie Heinrich Thannhauser" nach Berlin an. "Thannhauser verl√§sst M√ľnchen" lautete die Schlagzeile und "die Nachricht trifft alle, die Bescheid wissen, was M√ľnchen mit dem Weggang Thannhausers, dieses hervorragenden M√§zens, und mit der Schlie√üung seiner Galerie verliert, die untrennbar verkn√ľpft ist mit M√ľnchens Geschichte und seinem k√ľnstlerischen Ansehen, wie ein Posaunensto√ü"!

Angela Rosengart erinnerte sich, dass die Thannhausers durch die antisemitische Presse aus M√ľnchen vertrieben wurden.

Die Ernennung des fast siebzigj√§hrigen Heinrich Thannhauser zum Kommerzienrat, mit der Begr√ľndung, Thannhauser habe sich au√üerordentlich um die Pflege der K√ľnste in M√ľnchen verdient gemacht und selbst gro√üe Opfer gebracht, wurde abgelehnt.

In Berlin setzte Justin Thannhauser die M√ľnchner Tradition fort und organisierte in eleganten R√§umen eine Reihe von Ausstellungen auf Museumsniveau.

Heinrich Thannhauser hatte sich inzwischen nach Feldafing zur√ľckgezogen. Er starb am 24. November 1935 in Luzern. Es bleibt ungewiss, ob Thannhauser f√ľr immer Deutschland verlassen wollte, um in der Schweiz zu leben. Die Urne wurde auf dem Alten Israelitischen Friedhof an der Thalkirchner Strasse beigesetzt. Das Grabmal ist noch erhalten.

Das Verm√§chtnis der Thannhausers lebt in vielen Meisterwerken der Modernen Kunst fort, die einst durch ihre Galerie gegangen sind und heute in den f√ľhrenden Museen der Welt h√§ngen. Die vom Vater und Sohn Thannhauser zusammengetragene Privatsammlung h√§ngt heute im Guggenheim Museum in New York.

 




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